Mit einem Mieter*innenwechsel, einem Wasserschaden und daraus folgenden gerichtlichen Auseinandersetzungen hatte es angefangen. Der Berliner WG, in die C. Anfang 2019 zog, drohte seit 2015 die Räumung. Nicht als vage Möglichkeit, sondern als konkrete Realität. Vier Jahre lang hat sich die WG mit allen juristischen Mitteln gegen die seit 2012 neuen Vermieter, eine GmbH, gewehrt – bis hin zu Verhandlungen am Bundesgerichtshof (BGH). Den letzten Prozess verloren C. und ihre Mitbewohner*innen, weil das Berliner Landgericht entschied: Die WG ist keine WG. Und eine Beschwerde gegen das Urteil wurde vom BGH nicht zugelassen. Tatsächlich waren sie mit gelegentlich wechselnden Mieter*innen seit 2010 eine WG im Wedding. Die Absurdität des Urteils verhinderte nicht den nächsten Schritt: Im August 2019 wurde zwangsgeräumt. Hier erzählt C. von der Zeit vor, während und nach ihrer Räumung.
„Eine Zwangsräumung war nichts, das mir einmal passiert.“
Meine Masterarbeit habe ich größtenteils in Nordafrika geschrieben. Ich bin Nahostwissenschaftlerin. Als klar war, dass ich zurück nach Deutschland muss, habe ich gedacht: „Die einzige deutsche Stadt, in der ich mir zurzeit vorstellen kann zu leben, ist Berlin.“ Ich fühle mich angezogen von dem Leben in Großstädten: wenn viel los ist auf der Straße, wenn unterschiedliche Architekturen, unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Sprachen da sind, das hat mich schon immer fasziniert.
Auf dem Weg nach Berlin bekam ich eine Nachricht von einer Freundin: „Du, bei uns wird ein WG-Zimmer frei.“ Ich habe gesagt: „Egal, wie es aussieht, ich würde es nehmen.“ Dann war ich beim offiziellen WG-Casting. Sie wollten mich und ich bin eingezogen. Das war unkompliziert und schön. Und ich war froh, in Berlin ein Zimmer gefunden zu haben. Ganz simpel.

Vor drei oder vier Jahren war eine Zwangsräumung nichts, von dem ich gedacht hätte, dass es mir einmal passiert. Die Vorstellung davon ist so stark dominiert von Erzählungen über Mietnomaden: „Irgendwas musst du falsch gemacht haben. Es ist deine Schuld.“ Das ist sehr präsent.
Aber ich bin nicht naiv in diese Sache reingegangen. Ich war mir bewusst, worauf ich mich einlasse und was dahintersteht. Mir war von Anfang an klar, dass die Räumung drohte. Ich habe mich mit „Recht auf Stadt“-Bewegungen beschäftigt. Insofern war das Ganze von Anfang an auch ein Fall, der mir sowieso am Herzen lag.
Nach meinem Einzug war es erst einmal ruhig, weil wir auf eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs gewartet haben. Als der dann unseren Fall abgelehnt hat, wurde das Ganze schnell real. Und trotzdem, ich glaube, eine Zeit lang wollten wir das alle nicht wahrhaben, dass es bald vorbei sein könnte.
Vor der Räumung hatten wir dann so viele Dinge zu überlegen und zu organisieren: Was machen wir mit unseren Sachen? Was muss in der Wohnung noch geschehen? Wie können wir Öffentlichkeit schaffen für unseren Fall? Mich hat das irgendwann total verwirrt, dass ich nicht mehr wusste: Wer macht eigentlich wann was. Und ich habe gesagt: „Kommt, wir machen einen Plan.“ Wir hatten dann ein riesiges Wandbild, das ich gebastelt habe, mit einem großen Kalender und dem Countdown in unserer Küche hängen.
Zwar haben wir auch andere Dinge erledigt, unsere Jobs oder Jobsuche oder sonst was, aber die Zwangsräumung und alles, was damit zusammenhängt, war schon täglich Thema. Das hat diese Wohnung und unser Umfeld so erfüllt, dass wir irgendwann gar nicht mehr zur Ruhe gekommen sind. Du hast irgendetwas getan, und dann war klar: Heute ist noch Vernetzungstreffen. Ich muss noch den Flyer texten. Oder Transpis malen. Es gab eigentlich fast jeden Tag Dinge zu tun. Und egal, wo ich hingekommen bin, alle haben mit mir darüber geredet.
In der letzten Woche hatte ich nicht mehr so viel Kraft. Es war nicht wie: „Keine Lust, keine Hoffnung, es ist alles falsch!“ Es war mehr ein Abarbeiten. Ich hatte meine To-Do-Liste: Hier kommen Leute noch Sachen abholen, da müssen wir noch den Möbel-Flohmarkt organisieren, da verteilen wir Flyer, da gehen wir nochmal plakatieren …
Zwangsräumung ist eine Stress-Situation, der du konstant ausgesetzt bist. Diese Sicherheit, die dir eine Wohnung gibt, die ist plötzlich in Frage gestellt. Und jeder geht mit dem Stress anders um. Die Situation hat schließlich alle mitgenommen. Zeitweise haben wir uns zwischen Realitätsflucht, Schockstarre und „Das ganze Leben ist scheiße!“ bewegt. Ich selbst konnte das emotional lange gar nicht realisieren. Ich hatte keine Zeit für Emotionen. Mein Überlebensmechanismus ist angesprungen, der mir keinen Raum lässt für eigene Emotionen, sondern mich eher machen lässt.
Irgendwann hat unserer Wohnung etwas sehr Schweres angehaftet. Ich glaube, das haben wir alle so empfunden. Und zum Schluss wurde sie immer leerer. Das war seltsam und auf irgendeine Art und Weise schon Abschiednehmen.
„Es war schön zu sehen, dass man nicht alleine ist.“
Am Abend vor der Räumung sind über 20 Leute zu uns gekommen und haben bei uns übernachtet. Wir hatten Freunde und Bekannte eingeladen, aber es ging auch noch weiter über Netzwerke. D.h. es haben bekannte Gesichter an unserer Türe geklingelt, aber es haben auch Leute geklingelt, die weder ich noch meine Mitbewohner*innen je gesehen hatten. Und die sagten: „Hey, ihr seid doch die WG, die geräumt werden soll, wir haben von euch gehört und wir wollen euch unterstützen. Wir haben Essen für 20 Leute dabei.“ Oder eine Frau bei uns aus dem Viertel, die ich mal beim Flyer Verteilen auf der Straße getroffen und mit der ich ein bisschen geredet hatte, die war auch plötzlich da: „Ja, ich bin dann jetzt am Start.“ Ich habe viel darüber nachgedacht, wie viele Leute sich noch aufgemacht und zu uns gekommen waren. Ich habe mich selbst schon in verschiedenen Kontexten engagiert. Aber ich habe noch nie bei irgendjemand Fremdem geklingelt und gesagt: „Ich will dich unterstützen; und ich bleibe heute Nacht bei dir; und setze mich morgen mit dir vor die Haustür.“ Das hat mich beeindruckt.
Wir wollten Öffentlichkeit. Und weil wir uns an die Presse gewandt hatten, sind auch Journalist*innen bei uns gewesen. Es kamen außerdem Nachbar*innen und haben Tee und Kekse vorbeigebracht. Aber es gab auch andere, die nicht solidarisch waren. Z.B. eine Frau, auf deren Hund wir öfter aufgepasst haben. Sie hat Diabetes und saß schon bei uns in der Küche, weil sie zu viel Insulin gespritzt und Angst hatte, dass sie umkippt. Die hat völlig am Rad gedreht: „Ich rufe jetzt die Polizei, dann seid ihr wenigstens früher weg!“ Am nächsten Morgen hat sie mir ein Wasserglas über den Kopf geschüttet, weil sie mit ihrem Hund Gassi gehen wollte und sich nicht raus getraut hat wegen der ganzen Polizei. Ein anderer Nachbar stand morgens um fünf mit einem Baseballschläger auf dem Balkon und hat die Leute unten im Hof angepöbelt, die wirklich super leise waren: „Ihr linksversifften Zecken: verschwindet!“
Wir haben alle wenig geschlafen. Mit so vielen Menschen war es sehr laut in der Wohnung. Unsere Dielen knarzen. Und man hat die ganze Zeit gedacht: „Kommt jetzt schon die Polizei?“ „Hört man schon einen Wagen ankommen?“ Mir hatte am Abend vorher jemand erzählt, dass sie mal bei einer Besetzung dabei war und tatsächlich verschlafen hatte. Geweckt wurde sie dadurch, dass sie Polizisten getreten haben. Seitdem kann sie nicht mehr schlafen, wenn sie zu Besetzungen geht. Ich habe gedacht: „Was passiert, wenn wir alle verschlafen? Stehen dann, wenn wir aufwachen, schon Polizisten hier in der Wohnung?“ Wir wussten: Wir wollen nicht oben in der Wohnung bleiben, weil das viel zu gefährlich ist. Wir wollten nicht Räume für Gewalt bieten, weil man sie z.B. schlecht einsehen kann. Ich bin immer wieder kurz weggedriftet und dann doch wieder aufgewacht, weil irgendwas laut war. Ich glaube, ich habe maximal eine dreiviertel Stunde oder Stunde geschlafen. Und um halb fünf mussten wir aufstehen.

Freund*innen standen dann morgens mit bei uns vor der Haustür, obwohl sie sonst eher keine Blockaden mitmachen oder selbst zu Demos schwer zu motivieren sind. Es war schön zu sehen, dass die Menschen dann da sind und man nicht alleine ist. Weil dieser Tag der Räumung ist schon nicht so schön. Das hatte ich nicht erwartet.
Die Polizei kam um viertel nach fünf, halb sechs. Zuerst haben sie angefangen ein bisschen Patrouille zu laufen und die Lage zu checken. Ab sechs Uhr war die Kundgebung angemeldet. Und es wurden einige Menschen. Zwei Eingänge, wo Leute sich davorgesetzt hatten, waren blockiert. Und dann ging es los. Die Polizisten haben versucht, Leute zu verunsichern: durch anstarren, sich über sie lustig machen und abfällige Kommentare.
Zwischendurch habe ich gedacht: „Die Situation sieht gerade gar nicht gut aus!“ Vor allem als klar war, sie werden gewaltsam räumen. Es gibt ja genug Beispiele von Räumungen, die nicht glimpflich ablaufen. Es ist ein ganz schmaler Grat. Wenn du Leute motivierst und dann irgendwas passiert, das wäre kein schönes Gefühl gewesen. Ich und die anderen, wir haben uns schon mitverantwortlich gefühlt. Es gab Momente, in denen ich gedacht habe: „Hoffentlich tritt nicht das ein, wonach es aussieht.“
Unser Haus ist auf der Ecke und es hat einen Innenhof, der mit anderen Höfen verknüpft ist, die aber durch Zäune getrennt sind. Im Endeffekt haben die Polizisten sich für den einfachen Weg entschieden. Durch ein anderes Haus, durch eine andere Tür, die Zäune aufschneiden und hinten bei uns eine Türe aufbrechen. Als sie sie aufgebrochen haben, stand ich nicht sehr weit davon entfernt. Mein einer Mitbewohner war noch wesentlich näher dran als ich. Und im ersten Schock ist er dorthin gelaufen und ich bin ihm hinterher: „Nein, geh weg von dieser Tür!“ Da sind ein paar Splitter geflogen, die jemand hätten verletzen können. Es war wie bei einem Unfall: Man sieht es kommen, aber kann es sowieso nicht mehr ändern. Das war in diesem Moment so. Ich habe diese Tür gesehen und dachte: „Gar nicht gut!“
Dann sind mehrere Polizisten in diesen schwarzen Riot-Uniformen ins Treppenhaus rein, haben sich vor den unterschiedlichen Flureingängen positioniert und dort die Fensterscheiben zugehalten. Ich habe mich draußen auf einen Sessel gestellt, um noch etwas sehen zu können. Ich habe kein Zeitgefühl mehr gehabt und weiß gar nicht genau, wie lange das Alles gedauert hat. Irgendwann habe ich die Gerichtsvollzieherin reinlaufen sehen und dachte: „Das war es dann jetzt wohl.“
Es war ein verrückter Tag. Ich habe dort nicht so lange gewohnt. Mir war von Anfang klar, dass das ein Zimmer auf Zeit ist. Und ich habe gewusst, dass wir die Wohnung nicht retten werden. Aber dieser Abschlussmoment war auf eine bizarre Art und Weise traurig. Und es war viel Enttäuschung da. Es war nicht meine eigene Entscheidung, diese Wohnung zu verlassen.
„Wir wollten nicht stillschweigend gehen.“
Es war gut, dass wir die Demo danach hatten. Wir wollten das Grundsätzliche kritisieren: „Das hier ist kein Einzelfall!“ Es ging nicht allein um unsere WG, sondern um die Sache, die dahintersteht. Wir haben kurzfristig eine Demo angemeldet, die die ganze Müllerstraße runterging. All diese negative Energie, die man in sich trägt nach so einer Sache, weil man sich so hilflos fühlt, so schutzlos auch, die kann man da einfach loswerden, abschütteln, rausschreien. Ich bin eigentlich ein sehr wenig wütender Mensch. Aber diese Wut, die unterschwellig da war, die wird man so los. Ich glaube, wenn man die bei sich behält, dann wird man leicht ein sehr verbitterter Mensch, der der Welt nur noch misstraut. Es ist wichtig, dass so etwas nach einer Zwangsräumung passiert. Auch weil das ein sehr gutes Mittel ist, um nicht an diesem Punkt des Scheiterns stehen zu bleiben, sondern zu wissen: Es geht weiter. Und man merkt: Man ist nicht alleine, es gibt gerade viele Menschen, denen geht es genauso.
Nach der Räumung haben wir als WG nicht mehr gemeinsam darüber sprechen können. Mein einer Mitbewohner war erst mal krank und bei seiner Familie. Der andere war drei Tage vor der Räumung abgereist zu seiner Exfreundin. Er hatte gesagt: „Ich kann das nicht ertragen, nicht ansehen, nicht aushalten.“ Jetzt ist er wieder in seinem Herkunftsort. Und unsere vierte Mitbewohnerin war schon eine Weile vorher ausgezogen. Es war wie ein Bruch, der da stattgefunden hat. Es gab diese Reflexionsebene zwischen uns nicht mehr, wie sie vorher da war. Und ich glaube, die Räumung hat etwas mit unserem WG-Gefüge gemacht. Selbst wenn wir jetzt eine neue Wohnung hätten, würde das nur schwer zurückkommen in die alten Bahnen. Zeitweise waren wir eine Wahlfamilie. Und das existiert nicht mehr.
Geblieben ist aber auch das Gefühl: Wow! Was wir auf die Beine gestellt haben, das ist gut. Wir hatten Presse, wir haben viele Leute erreicht. Wir haben gesehen, was man mit relativ wenig Mitteln erreichen kann. Es lohnt sich, sich da reinzuhängen. Es ist nicht umsonst.
Verbitterung und Verärgerung, die das Rechtssystem betreffen, sind da. Man bekommt das Gefühl: Für wen ist denn jetzt dieses Recht?! Und wer hat die Gewalt, darüber zu entscheiden, was Recht ist und was nicht? Und was hat das noch mit Gerechtigkeit zu tun? Und welche Chance habe ich überhaupt als Bürgerin, die nicht Jura studiert hat und die nicht das Geld hat, Jurist*innen zu beauftragen? Aber sonst ist keine Bitterkeit da. Wir wollten einfach nicht, wie so viele, stillschweigend gehen. Wir wollten uns nicht hilflos und verbittert zurückziehen, sondern sagen: „Wir können zwar nicht alles erreichen. Aber das, was wir machen können, das werden wir tun.“
Ich war mega dankbar, dass wir ein Netzwerk hatten, Menschen und Initiativen, die uns unterstützt haben. Dass Leute sagten: „Kommt, wir verteilen Flyer mit euch. Jeden Donnerstag.“ Oder sie haben Versammlungen mitorganisiert, haben Kaffee gemacht, haben plakatiert, sind einfach da gewesen. Haben mal gefragt: „Und? Wie geht’s dir jetzt damit? Kann ich was Gutes für dich tun?“ Hätten wir das nicht gehabt, hätten wir wahrscheinlich einfach gesagt: „Ok, wir gehen jetzt still und leise und tschüss!“ Wir hätten das nie alleine geschafft. Niemals.
Seit der Räumung war ich nicht mehr in der Straße. Es ist eine Erinnerung. Es ist etwas Abgeschlossenes. Vielleicht habe ich mich auch nicht getraut. Es gibt das Gefühl: Jetzt muss ein neues Kapitel beginnen.

Protokoll und Photographien: Filippo Smerilli
Wer die Geschichte der Auseinandersetzung der WG mit Gerichten, Rechtsanwält*innen und der im Protokoll erwähnten GmbH detaillierter nachlesen will, kann das hier machen: „Verdrängt in Berlin“.

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