Der Platz liegt im Südosten des Weddings, an der Grenze zu Mitte und nah bei Moabit. An seinem Rand sind im Abstand von jeweils wenigen Metern Sitzbänke aufgestellt, die einen Kreis von dreißig Metern Durchmesser um seine Mitte bilden. Über diese Fläche verteilt stehen sechs fünf bis zehn Meter hohe Bäume, fünf von ihnen am Stamm rund umgeben von einer einen Meter breiten lehnenlosen Sitzfläche, blass rote Untersetzer.
Ungefähr in der Mitte des Platzes steht ein Springbrunnen: ein bronzener Satyr spielt sitzend Klavier am Fuß eines zweieinhalb Meter hohen Vulkans aus Stein, auf dessen Rand vier Menschenfiguren tanzen und eine fünfte, mit zu einem Ausdruck von Pathos erhobenen Armen, direkt über dem Kopf des Dämons singt. Wasser quillt aus dem Krater über seine eine Flanke, über das Klavier, die Hände, die Tastatur, die Hufe.
Zwanzig Schritte vom Wasserspiel entfernt, an der Ostseite des Platzes, direkt hinter dem Stück Sitzbänkerund streift ihn eine vierspurige Straße. In südlicher Richtung, auf dem Weg nach Mitte und Moabit überquert in Sichtweite eine Brücke mit Bahngleisen die Fahrbahn. Ratternde, quietschende, rappelnde S‑Bahnzüge; summende, brummende, röhrende Automotoren überlagern das plätschernde Flüstern des Wassers. Schon auf den am nächsten stehenden Bänken ist davon nichts mehr zu hören.
Hier sitzen in der Regel die deutschen Säufer, die auf dem Platz in der Minderheit sind. Auf den anderen Bänken sitzt die Mehrheit der anderen aus anderen Ländern. Dazwischen, auf zwei Bänke verteilt drei Schwarze. Alle trinken Pilsator, Sterni, Wodka. Immer wird irgendwo jemand lallend laut. An der Ecke gibt es Pressfleischdöner. Hier und da, mit Abstand zu den trinkenden Männern, sitzen zwei oder drei Kopftuch tragende Frauen zusammen, während ihre Kinder mit lauten Rufen kreuz und quer über den Platz laufen oder auf Fahrrädern Runden drehen und sich jagen.
Jeden Sommer, sobald es warm genug ist, kommen Romnija mit ihren Kindern dazu. Die Mädchen und Jungen klettern über das Klavier bis auf den Kraterrand, spritzen sich kreischend gegenseitig nass, während ihre Mütter auf der anderen Platzseite in bunten Röcken auf zwei benachbarten Bänken und manche davor auf dem Boden sitzen.

Auf einer der Baumuntersetzerbänke in der Mitte trifft sich jedes Mal ein immer anderes Paar: auf ein Augustiner Bräu, ein Bayreuther Hell oder ein Craft Beer. Einen Untersetzer weiter liegt ein schlafender Mann. Sein Kumpel dreht die neben dem Schlafenden aufgestellte Boombox lauter: schneller, namenloser 90er-Jahre Massentechno plärrt ein Stück weit über den Platz. Während der erste Mann weiterschläft, versucht der zweite ein paar unsichere Schritte, landet neben dem Takt, kichert, dreht sich leicht torkelnd um sich, lacht, eine Bierflasche in der Hand.
Eine S-Bahn rattert mit quietschenden Bremsen über die Brücke.
„Ick hab dir doch janüscht jesacht!“ Von der deutschen Bank blökt einer in Richtung des Schwarzen, der, allein auf einer Bank, in einer andauernden Reihe aufeinanderfolgender kurzer Ausbrüche heftig gestikuliert, mit wütendem Gesicht stille Streitgespräche führt. Nur gelegentlich entfährt seinem Mund ein gepresstes Wort: „Schwein!“ „Merrrrrrdé!“ „Du!“ „No, no, no!“
Das Röhren eines tiefergelegten schwarzen Mercedes’, ausgebaut mit Sportsitzen, mehreren Auspuffen, starkem Motor, vibriert im Bauch, als er an der Ampel beschleunigt. Knallend zerplatzt die Bierflasche neben den Füßen des besoffen arhythmischen Tänzers, der mit ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen weiter torkelnd seine Schritte hopst, als hätte er nichts bemerkt.
Es ist nur ein Platz in Berlin.
Die quadratischen Tische, die polsterlosen Stühle sind aus blinkendem Chrom. Auf allen Tischen exakt die gleichen Dinge: sorgfältig gefaltete elfenbeinfarbene Stoffservietten, silber glänzende Bestecke, glitzernde Gläser für Wasser und Wein, je drei übereinandergestellte weiße Porzellanteller, klein, tief, flach. Im Eingang des neuen Restaurants steht ein Kellner in weißem T-Shirt und schwarzer Schürze. Sobald jemand zahlt und geht, räumt er ab, erneuert die Gedecke. Zwei Paare sitzen vor dem Lokal. Fensterfronten ersetzen komplett die beiden Außenwände. Auch in dem minimalistisch eingerichteten Innenraum sind alle Plätze identisch gedeckt. Drinnen kein Gast. Der hellgraue, an Beton erinnernde Putz an den hinteren Wänden des Neunzehnhundertsiebzigerjahrebaus ist freigelegt. An einer auf der linke Seite aus Edelstahl, auf der rechten aus Holz gebauten Theke poliert eine junge Frau in weißem T-Shirt und schwarzer Schürze mit einem Tuch Gläser. Bis vor einem Jahr war in diesem Raum an der nordwestlichen Seite des Platzes ein alteingesessenes türkisches Café untergebracht. Mich beunruhigt die Ästhetik dieses Orts. Ohne den wachsamen Aufseher würden die Tische auf der Außenfläche leergeräumt, denke ich.
„Downtown Apartments“ lese ich gegenüber, direkt neben den beiden Spätis, die die Leute auf dem Platz mit allem versorgen und im gleichen Gebäudekomplex untergebracht sind wie der Dönerladen auf der Ecke. Aus der Baustelle vom letzten Jahr ist ein Gebäude mit dunkelgrauer Betonfassade geworden. Das „Downtown Apartments“ steht in roter Leuchtschrift direkt über dessen Eingang. Die Fenster im Erdgeschoss haben dunkelgetönte Scheiben, die keinen Blick in die Räume erlauben. Auf den oberen Etagen gibt es kleine Balkone. Vor dem Neubau stehen mehrere Bierbankgarnituren, je ein Tisch mit zwei Bänken, und eine mit bunter Kreide beschriebene Tafel: „Cocktails at the Terrace“, daneben eine Sonne. Zu Hause, denke ich, zu Hause muss ich nachsehen, was hier passiert.
Vor dem Computer recherchiere ich. Das Restaurant mit der kühlen Chromästhetik preist sich als „a place for coffee, food and wine“ an. Integriert ist eine „gallery“. Ein Menü ohne Getränke kostet pro Person 75,- Euro. Auf Google halten Gäste in Rezensionen fest, dass sie keine Getränkekarten bekommen, man von ihnen für ein Glas Wein 18,-, für eine Flasche Wein 80,- und für eine Karaffe Leitungswasser 6,- Euro verlangt. Dieser „place“ für „meticulously selected […] biodynamic and chemical free produce“ informiert über seinen Status als „more casual little brother“ eines anderen Restaurants. Dieses exquisitere Geschwister, offenbar schon länger ein paar Meter weiter angesiedelt, charakterisiert sich als ein „eight-seat counter restaurant“: „guests are invited to observe the careful preparation of their meal and to interact with the team throughout the process“. Spencer und Dylan, die beiden „Managing Directors“, bieten solche Menüs inklusive des interaktiven Dienstpersonals für 225,- Euro pro Person an. Gault&Millau ist begeistert.
Google Maps zeigt mir mehr, als ich suche. Ich koche mir einen Kaffee, atme durch, mache weiter. Das erste hippe Café, Pionier am Ort, das zwischendurch geschlossen war, hat unter anderem Namen und mit neuen französischen Besitzern tagsüber wieder geöffnet als „Breakfast Bar“. Auf ihrer Instagramseite machen junge Frauen – eine heißt Emma – Kaffee; ein junger Mann – ohne Name – posiert auf der Außenterrasse: seine gelben Socken und weißen Hosen passen perfekt zur Farbe der Stühle und Sonnenschirme. Auf die Kritik eines Nutzers über ihre ausschließlich englische Kommunikation erwidern sie – auf Deutsch –: „Es tut uns aber echt leid, dass du unseren Gebrauch der englischen Sprache als unnötig empfindest. Englisch ist für uns kein Synonym für Gentrifizierung, sondern ein einfaches Kommunikationsmittel, das jeder versteht!“

Gegenüber dem S-Bahnhof, der bei der Brücke über die Straße beginnt, wurden vor drei Jahren die in einem alten Fabrikgebäude untergebrachten Atelier- und Werkstatträume zuerst leer, dann saniert und umgebaut. Hier residiert jetzt ein „bookstore“, der seine Politik beschreibt als „committed to creating generative links between communities in Wedding, Berlin and beyond“. Auf Instagram bedanken sie sich bei den Besuchern der Lesungen von Susan oder Mira, der Diskussionen mit Estelle oder Tracy. Die Gäste auf den dazu geposteten Fotos sind zwanzig bis dreißig; die Frisuren, Half Cut, Half Bun, Bob, Pony, signalisieren Hipness, die Kleidung Wohlstand; Mimik, Gestik, Körperhaltung vermitteln die absolut fraglose Überzeugung von der Bedeutung des eigenen Selbst, die einem in Neukölln oder Kreuzberg vor jedem Club, jedem Start-Up, jeder „Gallery“ und jedem „Deli“ begegnet: Michelle oder Francis, Tyron oder Bonnie sind sich sicher.
Auch dieser „Store“, westlich des Platzes, siedelt nicht alleine im neuen Land, sondern ist nach eigener Aussage verbunden mit einer nach einer Muse benannten Institution im gleichen Haus. Diese „non-profit experimental institution dedicated to fostering creativity and cultural exchange through residencies, exhibitions, and public programs“ vergibt bis zu fünf „residencies“ gleichzeitig: ohne feste Bewerbungsfristen, ohne feste Vorgaben für die Produktion. Die Konkurrenz bewirbt sich um die Unterbringung in „micro-apartments“ und die Möglichkeit, über einen im „application form“ frei angebbar langen Zeitraum „studios“ zwischen 160 und 220 m2 zu nutzen. Ich suche auf ihrer Internetseite nach Informationen, wer verantwortlich ist für diese „institution“ und wie sie sich finanziert. Ich finde nichts, weder im Impressum noch in den FAQs noch an einer anderen Stelle. Über die „neighborhood“ heißt es bei ihnen: die „institution“ „is located in Wedding […]. The most international district in Berlin, Wedding captures an appeal and energy that is increasingly hard to find in the capital.“
Google Maps macht mich zum unfreiwilligen Zeugen, alles neue Geschäft um den Platz herum fällt mich vor dem Bildschirm von der Karte aus an. Im Nachbargebäude der Musen-Residenz-„institution“ hat nach dessen Sanierung ein Café aufgemacht. Es ist die 2019 eröffnete und erste von inzwischen drei Berliner Filialen des Unternehmens und sein Flagship-Store. Sie verkaufen ausgesuchte Kaffeesorten und entsprechendes Zubehör für seine Zubereitung: neben normalen Espressokannen French Press- oder Karlsbader Kannen, Chemex-Karaffen, Siebträger, Handfilter aus Porzellan und in Japan – 6,90 Euro – oder in Barcelona – 34,90 Euro – hergestellte Papierfilter – à 100 Stück. Ihre Kaffeesorten haben Preise von 8,90 Euro bis 14,90 Euro für 250 Gramm. Das Foto ihrer Weddinger Niederlassung zeigt einen hellen Raum über zwei Etagen: weiße Tische, weiße Theke, junge Menschen in heller modischer Kleidung. In diesem Ambiente muss jeder zwangsläufig mit MacBook arbeiten, alles andere unzumutbar. „Unsere Kaffeespezialitäten sind 100% natürlich angebaut, fair und direkt gehandelt.“ In der englischen Variante der Textstelle fällt die Fairness weg: „Our specialty coffee is 100% naturally & from coffee roaster selected“.
Eine Straße weiter, in Sichtweite von „Downtown Apartments“, hat ein Coworking-Space Gewerberaum erkämpft. Ein „single desk“ lässt sich für 300,- Euro im Monat mieten – inklusive „a barista beverage flate rate“, exklusive Mehrwertsteuer. Zum Organisationsteam, „made up with wonderful individuals“, gehört Florian, dessen Hauptmotivation zur Mitarbeit dem Teaser seiner persönlichen Vorstellung zufolge lautet: „Somehow I still got jealous at the fancy offices of Google or Apple“. Sein Mitstreiter Benjamin formuliert die Überzeugung: „we want to make the world a better place to live and work in.“ In seiner in Interviewform gehaltenen Selbstvorstellung findet sich ein Eigenzitat. Auf die Frage „It’s 6 p.m., is the workday coming to an end or just getting started?“ antwortet er: „I nervously glance at my iPhone and see that it’s already 6. Once again I’m probably one of the last people in the office, once again at a crossroads and having to decide: should I wind things down and wage an attempt against all odds to make it home in time for dinner with my family? Or should I power on and start going through those 27 Slack messages that are still unread? […] Then I write myself a little note: get up the courage to leave work at a decent hour. Later on I realize I wrote that note on a Monday evening at 10:06.“
Fünf Häuser weiter in Richtung des Platzes bietet die „The“ X Bar: „Eight German & Craft Beers as well as Guinness on tap, […] Grand Terrace and Good Music Always!“ Noch ein Stück weiter in die gleiche Richtung, auf der anderen Seite der vierspurigen Straße kreiert die „The“ Y Bar Cocktails – „Dirty Berry“, „Grapefruit Negroni“, „Trailer Park Julep“, „Dark & Twisty“, „Rusty Royale“ – zusammen mit Antipasti. Bei der „The“ Z Bar lese ich nicht weiter.
Ich zwinge mich, mich zu konzentrieren, mich nicht von Google Maps weiter und weiter zerren zu lassen. „Downtown Apartments“, stellt sich heraus, bietet 22 komplett eingerichtete Ein-, Zwei- oder Drei-Raum-Wohnungen, die „Spicy Wasabi“, „Blue Lagoon“ oder „Groovy Amazonas“ heißen, und ein Penthouse an: alle auf Zeit, klimatisiert und mit Concierge-Service. Für zwei Nächte bewegen sich die Preise pro Person zwischen 300,- Euro und mehr als dem Doppelten. Über die „Lage“ schreiben sie auf ihrer Internetseite: Sie sei „ideal, um dem sprichwörtlichen rauen Charme von Berlin zu erliegen. In direkter Nachbarschaft erleben Sie den lebendigen Kiez mit Multikulti-Flair, Imbissen, Take-aways sowie den rasanten Wandel dieser Umgebung“. Um sicher zu gehen, lese ich auch die englische Fassung der Stelle: „It is the combination of the peace and quiet and Wedding district’s renowned energy and charm that make our […] location so special. You can easily explore the lively neighbourhood: a cultural melting-pot of bars and cafes and street food. Experience the area’s true dynamism […].“ „By the way“, fügen sie hinzu: „Timeout Magazine finds Berlin Wedding to be one of the coolest neighbourhoods in the world – and of course currently the coolest in Berlin.“
Es ist nur ein Platz in Berlin.

Text und Photographien: Filippo Smerilli

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